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Reichen die Rettungsboote für alle?

Als ich mir ein Schiff der Aida-Sphinx-Klasse genauer ansah, stellte ich fest, dass durchaus noch ein oder zwei Rettungsboote auf jeder Schiffsseite Platz hätten. So könnte die 100-Prozent-Regel gemäß der IMO-Vorgaben erfüllt werden. Das lässt sich leicht erkennen, dazu muss man kein Schiffbauer sein. Ich habe mir dies aber noch von Schiffbauexperten bestätigen lassen, um ganz sicherzugehen.

 Dagegen spricht wohl, dass ein zusätzliches Rettungsboot pro Schiffsseite insgesamt zehn Balkonkabinen kosten würde. Unterstellen wir, das Aida einen Wochenumsatz von 2.500 Euro mit einer Balkonkabine macht, dann würde der Verlust von zehn Kabinen zu einer Umsatzeinbuße von etwa 1.100.000 Euro pro Jahr führen. Bei einer angenommenen Dienstzeit von 25 bis 30 Jahren pro Schiff sprechen wir von weit über 30 Millionen Euro. Aber selbst wenn anstelle der Balkonkabinen die gleiche Zahl fensterloser Innenkabinen gebaut würde, beliefen sich die Umsatzeinbußen immer noch auf mehr als 10 Millionen Euro. Hinzu kommen die regelmäßig anfallenden Kosten für Investitionen und Wartung der Rettungsboote, die größtenteils wegfallen, wenn „sonstige Rettungsmittel“ eingesetzt würden. Profit vor Sicherheit?

Bespiel Costa Pacifica:

Insgesamt werden 4880 Menschen befördert, (3780 Passagiere und 1100 Besatzungsmitglieder). Es stehen 26 Rettungsboote (13 pro Schiffsseite) für insgesamt 3720 Menschen zur Verfügung. (siehe Foto)

Gemäß IMO Regularien müssten insgesamt 4880 Rettungsbootsplätze – also pro Schiffsseite für 2440 Menschen – zur Verfügung stehen. Aufgrund einer Ausnahmegenehmigung des Flaggenstaates stehen jedoch insgesamt nur 3720 Rettungsbootsplätze zur Verfügung.

Wenn pro Boot eine Bootsbesatzung von 5 – 7 Besatzungsmitgliedern eingerechnet wird  (insgesamt ca.160 Besatzungsmitglieder), fehlen allein für die Passagiere ca. 220 Rettungsbootsplätze.

In der Sicherheitsbroschüre, die jeder Costa-Passagier auf der Kabine vorfindet, ist jedoch in 14 Sprachen zu lesen: „Es stehen für alle Passagiere Plätze in Rettungsbooten zur Verfügung.“ (siehe Foto). Auf Anfrage wurde mir dies von Costa noch schriftlich bestätigt. Die Passagiere werden von Costa anscheinend wissentlich getäuscht. Das ist ein ausgewachsener Skandal, zumal gerade diese Reederei eine belastete Vorgeschichte hat.

 auszug-safety-instructions

Beispiel Aida Stella

Zu der Aida-Sphinx-Klasse gehören die Aida Diva, Bella, Luna, Blu, Sol, Mar und Stella. Obwohl alle die gleiche Baugröße haben, kann die Aida Stella etwa 200 Passagiere mehr aufnehmen. Ihre Rettungsbootkapazität beruht allerdings auf der Basisversion, für die bereits die 75% Ausnahmeregel angewendet wurde. Deshalb mussten die Rettungsboote angepasst werden, ohne dass an deren Abmessungen etwas geändert werden durfte. Wenn im Notfall jeweils fünf Crewmitglieder pro Rettungsboot eingesetzt werden, stehen somit für 2.700 Passagiere maximal 2.400 Rettungsbootplätze zur Verfügung. Es fehlen allein für die Passagiere ca. 300 Rettungsbootsplätze!

Einige Rettungsboote, die weltweit für 150 Personen zugelassen sind, werden bei Aida in besonderen Fällen für 170 Personen zugelassen. Die Aida-Variante wurde allerdings 20 Zentimeter höher gebaut, sodass zusätzlich 20 Sitze oberhalb der übrigen Plätze angebracht sind. In diesen relativ kleinen Rettungsbooten werden die meisten Insassen vermutlich schon bei leichtem Seegang seekrank. Das wissen auch die Aida-Schiffbauer und lassen dennoch Menschen im Ernstfall in Panik und voller Angst übereinander sitzen; eine Sitzplatzreserve ist natürlich nicht vorgesehen.

Selbst für 150 Passagiere wird es knapp, da beim Bau der demografische Faktor sowie der Platzbedarf von Menschen mit Handicap und mit Übergewicht nur bedingt berücksichtigt wird. Eine Analyse zeigt, dass der typische Kreuzfahrtpassagier im fortgeschrittenen Alter ist. Auf einer von mir 2015 unternommenen Reise mit Princess Cruises lag das Durchschnittsalter deutlich über 60 Jahren, die älteste Passagierin feierte ihren 98. Geburtstag. Geschätzt waren 100 Menschen mit Rollstuhl oder Gehhilfen an Bord. Im Notfall müssen auch sie auf völlig verschachtelten Sitzbrettern möglicherweise mehrere Tage in einem Rettungsboot ausharren.

 

 

Siehe auch

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