Die MSC Divina verweigert sich der Suche nach einem vermissten Passagier. Spielten wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle?

2 Januar 2017 – die MSC Divina befand sich mit 3500 Passagieren an Bord im Seegebiet nördlich von Puerto Rico. In den frühen Morgenstunden fiel ein französischer Passagier ins Meer. Nach Aussagen der Ehefrau begab sich der Vermisste gegen 3.00 Uhr auf den Balkon seiner Außenkabine. Seitdem wurde er nicht wieder gesehen. Wann genau er über Bord fiel ist nicht bekannt, aber gegen 06.00h wurde die Suche auf dem Schiff eingeleitet. Nach Aussagen der US Coast Guard wurde mit der Suche nach dem Vermissten erst gegen 12.00h begonnen. Was in der Zeit dazwischen geschah und wann die Reederei den Vorfall meldete ist nicht bekannt. Üblicherweise leitet die Coast Guard eine Vermisstensuche unverzüglich ein. In diesem Fall dauerte sie 35 Stunden und endete erfolglos.

Nach Bekanntwerden des Vorfalls hätte der Kapitän das Schiff unverzüglich auf Gegenkurs bringen müssen um die Suche nach dem Vermissten aufzunehmen. Insbesondere, weil der Zeitraum des Verschwindens nicht genau bekannt war. Er lag irgendwo zwischen drei Stunden und wenigen Minuten. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat der Kapitän seine Reederei unverzüglich nach Bekanntwerden des Vorfalls informiert – in diesem Fall vermutlich noch bevor er die Küstenstation der US Coast Guard informierte. Es ist davon auszugehen, dass alle Entscheidungen zwischen Schiff und Reedereizentrale abgesprochen waren. Wurde die Entscheidung zur Weiterfahrt von Kaufleuten aus wirtschaftlichen Erwägungen getroffen? Die Verzögerung durch eine Suche hätte mindestens einen Tag gekostet und für MSC einen hohen wirtschaftlichen Schaden bedeutet. MSC will den Vorfall aussitzen und hat sich mehrfach auf Fragen zum Vorfall nicht geäußert.

Die Verantwortung für Schiff Besatzung und Passagiere liegt beim Kapitän und wie auch im Fall der Costa Concordia hat er versagt. Er hat einen unglaublichen Tabubruch begangen, indem er einem Menschen in Seenot die Hilfe verweigerte, dessen Leben ihm anvertraut war. Nach deutschem Recht eine Straftat mit allen Konsequenzen für den Kapitän. In Deutschland wäre ein solcher Vorfall nach § 7.2 der Verordnung zur Sicherung der Seefahrt meldepflichtig und würde auf Basis des Sicherheitsuntersuchungsgesetzes eine verpflichtende Untersuchung nach sich ziehen.

Die MSC Divina fährt jedoch unter der Flagge Panamas. Auf Anfrage bei der Panamaischen Behörde wurde bestätigt, dass der Vorfall nicht gemeldet wurde und nicht gemeldet werden muss. Meldepflichtig sind nur Vorfälle wenn es sich um Mitglieder der Besatzung handelt. Eine erstaunliche Aussage, die auf Nachfrage aber bestätigt wurde. Passagiere hätten danach einen „Stellenwert“ wie z.B. ein Container der im Sturm über Bord geht – und Schiffsladung ist in Panama nicht meldepflichtig.

Hören Sie dazu ein Interview mit Wolfgang Gregor

 Nachtrag

Am 30. März 2017 wird ein Besatzungsmitglied auf der Costa Deliziosa vermisst. In der Presse wird folgende Mitteilung von Costa veröffentlicht (Auszug):   „… Following standard procedure, ship command notified Costa Crociere headquarters and implemented a full-ship search. When the crewmember was not located onboard, the ship turned around and began search and rescue operations and notified the nearest Maritime Rescue Recovery Center …”

Es scheint bei Costa eine interne Anweisung zu geben zuerst eine Suche an Bord zu durchzuführen, dann die Reedereizentrale einzuschalten bevor das Schiff wendet um letztlich nach dem Vermissten zu suchen. Erst dann wird die nächste Küstenrettungsstelle eingeschaltet. Die Reihenfolge dieser Maßnahmen stimmt nicht. Alles muss und kann zeitgleich zu erfolgen und jedem Kapitän ist bewusst, dass die ersten Minuten nach der Vermisstenmeldung entscheidend sind. Die Reederei im Verlaufe einer Suche zu informieren ist richtig, aber als letzte aller Maßnahmen und mit Betonung auf dem Wort „informieren“. Immerhin, Costa Schiffe drehen um, um zu suchen.